Boertlingen
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Börtlingen – Streiflichter aus 800 Jahren

 

Sechs Kilometer von Göppingen entfernt, 450 Meter über N. N. zieht sich Börtlingen auf einer schmalen Liasplatte des östliches Schurwalds hin. Zu Börtlingen gehören als Teilorte Breech in nördlicher Richtung und das im Tal liegende Zell.

 

In der Markung sind bisher nur wenige vor- und frühgeschichtliche Fundstellen bekannt. Mehrere mittelsteinzeitliche Funde aus der Flur Berg und aus Zell sowie ein jungsteinzeitliches Steinbeil aus Breech künden von der Begehung durch den Menschen.

 

In der um 1230/40 niedergeschriebenen Adelberger Klosterchronik ist der Name Börtlingens mit „Bertnang“ überliefert. Diese Schreibweise ist bis ins 15. Jahrhundert üblich. 1492 taucht die Bezeichnung „Bertlingen“ auf. Börtlingen ist also kein ursprünglicher –ingen-Ort, demnach keine alamannische Gründung. Der Name setzt sich zusammen aus dem Rufnamen Berto und der Silbe –wang, was soviel wie Feld, Wiese, Weide und abgerundete Erhebung bedeutet. Die mit –wang gebildeten Ortsnamen entstanden erst zwischen dem 9. und 13. Jahrhundert. Diese Zeit brachte eine wesentliche Verdichtung und im Bereich der Alb, des Rehgebirges und des Schurwaldes eine Ausweitung der Besiedlung. In der näheren Umgebung entstanden so auch die Orte Wangen und Bünzwangen.

 

Zum ersten Mal urkundlich nachweisbar wird Börtlingen im Jahre 1202. Es ist die Zeit des staufischen Königs Philipp von Schwaben. Zum Kloster Adelberg hatte dieser eine besondere Beziehung. Das 1178 gegründete Prämonstratenserkloster besaß seine besondere Gunst. Den Choraltar der Adelberger Klosterkirche hatte 1188 Bischof Hermann von Münster in Westfalen geweiht. Unter den Augenzeugen befand sich auch der 12-jährige Philipp und sein Vater Kaiser Friedrich 1. Barbarossa mit seinen Söhnen König Heinrich VI. und Herzog Friedrich von Schwaben. Nach dem Tode Heinrichs VI. wurde Philipp 1198 zum deutschen König gewählt. 1208 fiel er in Bamberg einem Meuchelmord zum Opfer. Seine schwangere Gemahlin Irene von Byzanz flüchtete auf die Burg Hohenstaufen. Sie verstarb dort an den Folgen der Geburt. Vor ihrem Tode erfüllte sie ein letztes Vermächtnis ihres Gatten: Sie übertrug Adelberg einen Hof in Oberesslingen.

 

Aus der Adelberger Klosterchronik erfahren wir, dass König Philipp von Schwaben in den letzten Julitagen 1202 in Esslingen Hof hielt. Er empfing dort den Bischof von Beirut und sein kleines Gefolge. Zu dieser Zeit stand die Weihe der mittlerweile fertiggestellten Adelberger Klosterkirche an. Der König entsandte deshalb den Bischof von Beirut vom Hoftag nach Adelberg. Vom 25. bis 30. Juli hielt sich dieser in Adelberg auf. Er weihte die Klosterkirche, eine Kapelle und zahlreiche Altäre. Am 27. Juli konsekrierte der Beiruter Bischof zunächst zwei Altäre in der Klosterkirche und ging dann nach Börtlingen. Hier weihte er die sicherlich schon in den Jahren zuvor erbaute Kirche zu Ehren Johannes des Täufers. Es war wohl das erste Börtlinger Gotteshaus, nachdem der Ort in der frühen Adelberger Klosterzeit stärker angewachsen war. 1271 soll die Kirche dem Kloster inkorporiert worden sein, d.h. sie war nun i einer besonderen Form von Adelberg abhängig. Im liber decimationis, dem Zehntbuch des Bistums Konstanz von 1275, das alle Pfarrkirchen aufführt, ist sie aber nicht enthalten. Um eine Pfarrkirche dürfte es sich deshalb nicht gehandelt haben. Seit 1595 war Börtlingen in kirchlicher Beziehung mit der Pfarrei Oberwälden vereinigt und deren Filial. An den Kirchenpatron Johannes den Täufer erinnert in der Kirche die Schüssel mit seinem Haupt, eine spätgotische Bildschnitzerarbeit.

Bereits 1298 werden Bewohner bzw. Besitzer von Grundstücken oder Rechten in Börtlingen genannt. Es waren H. genannt Rex, Size Slierbach, Albertus Episcopus und Rugerus, genannt Wagener. H. genannt Rex könnte mit dem in Adelberger Urkunden jener Zeit genannten Geschlecht der Kaiser zusammenhängen. Size Slierbach war wohl Chorfrau im Adelberger Frauenkloster und stammte sicherlich aus Schlierbach. Albertus Episcopus, d.h. Albert Bischof ist einer der frühesten Vertreter der weitverzweigten Bischof-Sippe im Adelberger Raum, von der ein Zweig 1451 auf dem Bischofshof in Zell saß.

 

In der Reichsstadt Schwäbisch Gmünd lassen sich zwischen 1355 und 141 Bürger mit dem Familiennamen Bertnang nachweisen. Von der Forschung wurden sie wegen ihres Namens mit Börtlingen in Verbindung gebracht. Ein Bezug zum Ort ist bislang aber nicht festzustellen.

 

Auch lässt sich im Dorf keine Burgstelle nachweisen. Ein oberes Tor wird 1496 erwähnt. Dieses ist aber sicher im Zusammenhang mit der Umwehung des Ortes zu sehen, die ein fester Ortsetter bildete. Das Wappen der Gmünder Familie Bertnang bildete die Grundlage für das 1948 verliehene Gemeindewappen. Der 131 als Knecht des Adelberger Frauenklosters genannte Sifrid von Bertnang war sicherlich kein Adliger, sondern stammte aus Börtlingen.

 

Wahrscheinlich gehörte Börtlingen mit Breech und Zell sowie den Höfen zum Gmündungsgut des Prämonstratenserklosters Adelberg, denn dieses war alleiniger Grundherr am Ort. 14996 gehörte Adelberg in Börtlingen: 1 Mahlmühle, 3 Sägmühlen, 2 halbe Höfe, 13 Lehen, 2 halbe Lehen und 9 Sölden, also 26 Häuser. Der Grundbesitz bestand 14 Tagwerk Garten, 335 Jauchert Acker und 138 Tagwerk Wiesen. Eine besondere Abgabe hatten die Leibeigenen des Klosters in Börtlingen und seinen Weilern bei ihrer Heirat zu entrichten. Ein Mann mute eine ‚Scheibe Salz abliefern, eine Frau aber eine Pfanne – so groß, „dass sie mit dem Hintern darin sitzen kann“. Auch nach der Aufhebung des Klosters 1535 mit der Einführung der Reformation hatte die württembergische Klosterverwaltung Adelberg am Ort das Sagen.

 

Seit dem 15. Jahrhundert gab es in ‚Württemberg die Verwaltungseinheit der Stabsschultheißereien. Aus praktischen Gründen wurden hier Kleinsiedlungen unter Beibehaltung einer gewissen Eigenständigkeit zusammengeschlossen. Damals entstand der sogenannte Börtlinger Stab. Er kam mit der Aufhebung des Klosteroberamts Adelberg 1807 zum größten Teil an das Oberamt Göppingen, bestand aber verwaltungsmäßig bis 1827. Hundsholz, wie das Dorf Adelberg bis 1851 hieß, fiel mit dem Kloster an das Oberamt Schorndorf. Neben dem Dorf umfasste der Börtlinger Stab die ehemals adelbergischen Besitzungen in Breech und Zell sowie in Bartenbach, Birenbach Kitzen bei Ottenbach, Lerchenberg und Unterkirneck. Die Amtsgeschäfte in Börtlingen führte der jeweilige Schultheiß in seinem Wohnhaus. Erst durch den Erwerb des Gebäudes von Lammwirt Heim kam die Gemeinde 1836 zu einem eigenen Rathaus. Enge wirtschaftliche Verflechtungen bestanden mit Breech und Zell. Beide Ortsteile besaßen bis 1923 eine eigene Verwaltung und Gemeinderäte.

 

Breech erscheint erstmals 1346 als „opido dicto Gebrech“, d.h. als der Ort, genannt „Gebrech“. Auch hier war das Kloster Adelberg begütert. Zur Unterscheidung von dem Weiler Breech bei Pfahlbronn, dem „Lorcher Breech“, führte der Weiler später auh die Bezeichnung „Adelberger Breech“. Der Ödweiler Hof entstand im 19. Jahrhundert an der Stelle eines 1414 und noch 1445 belegten Hofes „Ödenwyler“ bzw. Ödhain“. In Breech saß das Kloster 1513/23 1 Hof, 5 Lehen, 1 Sölde, also sieben Häuser. Dazu gehörten drei Tagwerk Garten, 169 Jauchert Acker, 53 Tagwerk Wiesen und sieben Tagwerk Wald.

 

Der nahe Breech liegende Schweizerhof hieß ursprünglich Pöppeleshof. Zu ihm gehörte auch eine Sägemühle und der vier Morgen große „Börtlinger Herrschaftssee“ sowie 30 Jauchert Acker und 21 Tagwerk Wiesen. Seinen Namen trug der Hof nach einer bereits vor 1487 abgegangenen Siedlung „Böplinsweyller“. Ihr Name blieb als Waldname erhalten. 1861 erwarb der Schweizer Staatsbürger Eduard von Meiß mit seiner Frau de Hof. In den folgenden Jahren ließ er ein neues Wohngebäude, eine Scheuer und einen Schafstall errichten. Da sich hartnäckig Schauergeschichten von dem dort umgehenden Geist „Pöppeler“ hielten, beantragte von Meiß die Änderung des Namens in „Schweizerhof“. Sie wurde 1864 genehmigt. 1923 kam der Hof zu Börtlingen.

 

Der Beschreibung des Oberamts Göppingen von 1844 zufolge hieß der Weiler Zell früher auch „Zell unter Staufen“. Urkundlich erscheint er 1451. Er wird in jener Zeit als „Zell bey Bertlingen“ bezeichnet, später auch „Zell unnder  Bertlingen“. 1451 besaß die Pfarrei Faurndau, deren Pfarrer zugleich Chorherr im dortigen Stift war, dort einen Hof. Pfarrer und Chorherr Ludwig Benzinger verlieh den Hof an Jörg Bischof von Zell. Deshalb trug der Hof den Namen Bischofshof. Die anderen Höfe in Zell und die Sägemühle, zu der sich später eine Mahlmühle gesellte, gehörten mit dem „Zeller See“ dem Kloster Adelberg. Nur der Bischofshof unterstand, nach der Aufhebung des Faurndauer Chorherrenstifts im Zuge der Reformation, bis 1806 dem Stab Plüderhausen. Das Kloster Adelberg besaß in Zell im Jahr 1515 1 Mahlmühle, 2 Höfe, 4 Lehen, 1 halbes Lehen, 2 Sölden, also 9 Häuser. Der Grundbesitz bestand aus 9 Tagwerk Garten, 122 Jauchert Acker, 49 Tagwerk Wiesen und 30 Tagwerk Wald.

 

Der 1733 angelegte Schneiderhof gehörte zu Waldhausen, obwohl er markungsmäßig mit der Muttergemeinde nicht verbunden war. 1968 wurde er nach Börtlingen umgemeindet.

 

Mit der Reformation wurde Börtlingen protestantisch. 1595 vereinigte es sich in kirchlicher Hinsicht mit Oberwälden. Bis 1844 versah der Pfarrer von Oberwälden den Ort. Breech gehörte bis 1835 zur Pfarrei Lorch. 1844 wurde Börtlingen mit seinen Filialen zu einer ständigen Pfarrverweserei erhoben. Aus ihr entstand 1859 eine eigenständige Pfarrei. Bereits 1846 war das heutige Pfarrhaus erbaut worden.

 

In Börtlingen verfügte der Heilige, d.h. die örtliche Kirchenpflege, um die Mitte des 19. Jahrhunderts über umfangreichen Waldbesitz und sehr viel Kapital. Das Geldvermögen war gegen Zins ausgeliehen. Die Stiftungspflegen aller Amtsorte des Oberamts Göppingen wiesen damals zusammen über 150.000 Gulden nach – fast ein Drittel davon entfiel auf ‚Börtlingen. Dies kam den Dorfbewohnern sicherlich in mancherlei Hinsicht zugute, ,obwohl die Oberamtsbeschreibung 1844 feststellte. „Man will die Bemerkung machen, dass der reiche Fonds des Heiligen die Einwohner von größerer Tätigkeit im Betriebe der Gewerbe und der Landwirtschaft abhalte.“

 

Die heutige Kirche entstand in spätgotischer Zeit, wurde jedoch im Laufe der Jahre durch Umbauten völlig verändert. So wurde 1793 der Turm abgebrochen, der Chor entfernt und das Schiff gegen Osten erweitert sowie eine Orgelempore eingebaut. In den Jahren 1819 bis 1821 entstand der Turm in seiner heutigen Form, mit Kuppel und Laterne. Der ihn einst krönende Wetterhahn von 1819 befindet sich im Städtischen Museum Göppingen. Das Treppetürmchen an der Südseite des Turmes wurde bei Umbaumaßnahmen 18896 aufgeführt. Es war erforderlich, da im Turm der Altarraum eingerichtet worden war. Eine besondere Kostbarkeit stellt die spätgotische Pieta in der Kirche dar. Sie befand sich bis 1917 in der Ölbergkapelle auf dem Kirchhof. Der Kirchhof war bis 1837 die Begräbnisstätte des Ortes.

 

Leonhard Dürr aus Zell unter Aichelberg, der letzte Adelberger Abt vor der Reformation, ,hatte im Kloster eine Bildhauerwerkstatt eingerichtet. Aus ihr gingen die Ölberge von Börtlingen, bei der Adelberger Ulrichskapelle und an der Ulrichskirche in Süßen hervor. Der Börtlinger Ölberg ist in einem nahezu quadratischen, gewölbten Häuschen untergebracht. Dieses kunstgeschichtliche Kleinod hat deshalb mit am besten die Zeiten überdauert. Es entstand um 1510 und ist das erste  erhalte Werk der Adelberger Bildhauerwerkstatt. Ursprünglich war der Ölberg farbig gefasst. Deutliche Bezüge zu einem auf 1499 datierten Ölberg in Königheim, bei Tauberbischofsheim, lassen erkennen, dass der Bildhauer seine Ausbildung in der Werkstatt des berühmten Künstlers Tilman Riemenschneider erhalten hatte. Groß im Blickfeld erscheinen die fein gearbeiteten Skulpturen von Jesus, Petrus, Jakobus und Johannes sowie, im Hindergrund der Ölberglandschaft, Judas und die Häscher.

 

Zwischen 1575 und 1601 amtete in Börtlingen Wilhelm Göbel als Forstknecht unter der Bezeichnung Fuchs- und Meisterjäger. Dazwischen wirkte er in Mömpelgard und zuletzt als Forstmeister in Freudenstadt. Der 1585 in Börtlingen geborene Sohn Johann Conrad schlug die geistliche Laufbahn ein. Sein Weg führte ihn vom Präceptor der Klosterschule Adelberg 1608, als Pfarrer von Hundsholz, Schornbach, St. Leonhard in Stuttgart über Augsburg ins badische Durlach. Dort wurde er 1630 Hofprediger und Superintendent. 1643 verstarb er in Augsburg.

 

An Kriegen mit ihren Schrecknissen hatte auch Börtlingen zu tragen. Von hier aus sah man im Bauernkrieg 1525 die Burg auf dem Hohenstaufen in Flammen aufgehen. Der Brand des Klosters Adelberg wenig später wirkte sich auch auf die Besitzer der klösterlichen Lehengüter aus. Aus der Zeit vor dem Dreißigjährigen Krieg stammt nur das Gebäude gegenüber dem Rathaus, das auf einem Balken noch die Jahres 1616 aufweist. Die Einfälle der französischen Truppen in Württemberg 1797 und 1800 bekam Börtlingen in Form von Kriegskontributionen und Einquartierungen zu spüren.

 

1739 gab es im Dorf 2 Bäcker, 2 Wirte, wovon einer zugleich Metzger war, 2 Schmiede, 3 Schneider und 16 Weber. De Ort zählte 44 Gebäude, darunter ein Schulhaus. Obwohl seit 1649 in Württemberg die allgemeine Schulpflicht galt, lässt sich erst ab 1700 ein ständiger Unterricht am Ort nachweisen. 1835 wurde ein neues Schulhaus mit zwei Unterrichtsräumen errichtet und das alte Schulgebäude für Wohnzwecke umgebaut. 1864 unterrichteten ein Schulmeister und ein Lehrgehilfe in zwei Klassen die 125 Schulkinder. Der Schulmeister versah zugleich den Mesner- und Organistendienst.

 

1769 erhalten wir erstmals genauere statistische Angaben. Das Dorf zählte 205 Einwohner in 44 Wohngebäuden und 25 Stück Horn- und Rindvieh sowie 1 Schaf. N Breech wohnten in 16 Häusern 99 Einwohner. Sie besaßen 6 Stück Horn- und Rindvieh. Zell zählte 50 Einwohner in 11 Wohngebäuden, die 3 Stück Horn- und Rindvieh sowie 1 Schwein hielten. Auf dem Pöppeleshof wohnten 22 Einwohner in 5 Wohngebäuden. Sie besaßen 31 Stück Horn- und Rindvieh sowie 2 Schweine. Bis 1844 stieg die Einwohnerzahl des Dorfes mit 457 um mehr als das Doppelte. In Breech wohnten 150 Personen, auf dem Pöppeleshof 35 und 90 in Zell, darunter 10 Katholiken. Einschneidend veränderte sich bis 1873 die Viehhaltung in der Landwirtschaft. So wurden nun in der Gesamtgemeinde 23 Pferde, 484 Rinder, 40 Schweine und 1120 Schafe sowie 113 Bienenstöcke gezählt.

 

In Zell kam 1817 Johannes mühleisen zur Welt. Über die Predigerschule in Basel ging er nach England. Er studierte in London und promovierte dort zum Doktor der Theologie. 1844 heiratete er auf Malta Jemima Cannon und zog als Missionar der kirchlichen Missionsgesellschaft nach Poona, das zur Diözese von Bombay in Ostindien gehörte. In Java und anschließend in Südafrika wirkte er erfolgreich bei der Missionierung von Mohammedanern. 1881 starb er in Kapstadt. Dr. John Mühleisen-Arnold, wie er sich später nannte, trat auch als Schriftsteller hervor. So gab er ein Werk über den Islam heraus, dem eine große politische Einflussnahme in England zukam.

 

1862 schrieb Pfarrer Abel in einer Darstellung seiner Pfarrei Börtlingen: „Besonders wird seit neuerer Zeit viel Hopfen gebaut, welcher einen guten Ertrag liefert. Auch der Flachs zeichnet sich durch seine feine Qualität aus. Von Obst gedeihen selbst die besseren Sorten sehr gut... Die hiesigen Einwohner nähren sich von Ackerbau und Viehzucht. Manche Familien ziehen einen namhaften Erlös aus dem Hopfenbau. Die Gemeinde ist nicht gerade wohlhabend. Größere Bauern gibt es wenige. Ein großer Teil sind Söldner und Taglöhner, wobei letztere durch Holzhauen in den Wäldern und durch Schindelmachen ihr Brot verdienen. Manchen nähren sich von der Baumwollweberei. Die Zahl der unterstützungsbedürftigen Armen beläuft sich auf ca. 26 Personen und hat sich gegenüber früher bedeutend vermindert.

 

Über seine Pfarreiangehörigen führte er aus: „Die Bildungsstufe der Einwohner ist die gewöhnliche einer ländlichen Bevölkerung. Wenn auf der einen Seite häufige Erscheinungen von Rohheit und Unsittlichkeiten wie Fluchen, Trunksucht und Unzucht, das sittliche Gefühl verletzen und abstoßen, so ist auf der anderen Seite an den Einwohnern eine gewisse Gutmütigkeit und Offenheit rühmend hervorzuheben, welche sie der Belehrung und Ermahnung zugänglich macht, desgleichen kirchlicher Sinn... In sittlicher Hinsicht steht es im Mutterort besser als in den Filialien, besonders in Breech, wo mehr Unordnungen und Exzesse, namentlich durch Sonntagsentheiligung vorkommen.“ Wie die Oberamtsbeschreibung von 1844 meldet, ernährten sich etwa 15 der ärmsten Einwohner durch Anfertigen von Dachschindeln. Wegen dieses Gewerbes  bekamen die Börtlinger den Necknamen „Schendelesmacher“.

 

Zwischen 1844 und 1873 sank die Einwohnerzahl der Gesamtgemeinde um 88 Personen auf 464. Dies war sicherlich weniger eine Folge der Auswanderung, vor allem nach den Amerika, als vielmehr der Abwanderung in das sich der Industrialisierung öffnende Filstal und in andere Orte. Bis zum Zweiten Weltkrieg blieb diese Einwohnerzahl konstant. Kurz nach der Bildung des Landkreises Göppingen aus den Oberämtern Geislingen und Göppingen im Jahr 1938 wurde eine Beschreibung der Gemeinden erstellt. Darin wird für Börtlingen die Stagnierung der Einwohnerzahl mit der geringen Geburtenzahl und der Notlage der Landwirtschaft erklärt. Zu dieser Zeit hatte sich die Gemeinde bereits zur Arbeiterwohngemeinde entwickelt. Die landwirtschaftliche Berufsgruppe überwog nur noch knapp die der gewerblichen. 155 Pendler arbeiten in Göppingen.

 

Erste Überlegungen zu einer Wasserversorgung wurden 1882 angesichts der hohen Betriebskosten nicht weiterverfolgt. Erst eine Eingabe von 45 Bürgern führte 1899 zum Erfolg. Bis dahin wurde das Wasser vor allem aus drei Brunnen geholt. 1913 erhielt auch Breech eine Wasserleitung. Bereits 1895 war eine Spar- und Darlehenskasse errichtet worden. Sie zählte 58 Gründungsmitglieder. Der erste Rechner war Schultheiß Karl Piscalar und als Vorsitzender des Aufsichtsrats fungierte Pfarrer Faber.

 

Zwanzig Männer gründeten 1903 den Turnverein. 1909 hielt er seine Fahnenweihe ab und 1926 konnte der neue Sportplatz an der Straße nach Breech eingeweiht werden. Bis dahin befand sich der Turnplatz vor der jetzigen Turnhalle am ehemaligen Feuersee. Aus dem Turnverein ging 1909 der Liederkranz hervor. Junge Männer, die gerne sangen, hatten sich um den Löwenwirt geschart und den Verein Gegründet. Anlässlich der Eröffnung der Eisenbahn Göppingen – Schwäbisch Gmünd 1912 umrahmte der Liederkranz den Halt des „Festzuges“ aus Göppingen am Bahnhof Adelberg-Börtlingen. Mit dem Bau der Bahnlinie hatte man 1907 begonnen. Da anfänglich kein Bahnhof Adelberg-Börtlingen vorgesehen war, musste der Bahnhof Rechberghausen weiter südlich errichtet werden. Trotz der Entfernung vom Dorf war der Anschluss an die Bahn eine wesentliche Erleichterung für die im Filstal arbeitenden Pendler.

 

Die beiden Weltkriege forderten zahlreiche Opfer. Das 1921 auf dem Kirchhof errichtete Denkmal verzeichnet 43 Gefallene und Vermisste. 1959 wurde es um die 71 im Zweiten Weltkrieg Gefallenen und Vermissten erweitert. Vom eigentlichen Kriegsgeschehen blieb Börtlingen verschont. Nur beim britischen Großangriff auf Stuttgart am 26. Juli 1944 gingen beim Ödweilerhof 9 Sprengbomben nieder, die jedoch keine Personen- und Gebäudeschäden anrichteten. Bereits 1942 waren 2 Glocken der Kirche abgeliefert worden. Am 19. April 1945 besetzten amerikanische Gruppen den Ort.

 

  Kreisarchivar Walter Ziegler,

im Oktober 2001  



Börtlingen – gestern und heute

 

An der Schwelle zum dritten Jahrtausend kam von dem Börtlinger Fotograf Albrecht Gmähle die Idee, einen Bildband herauszugeben, der die Momente des gegenwärtigen Gemeindelebens einfangen sollte.

 

Die Gemeinde hat diese Anregung gerne aufgegriffen, um auch künftigen Generationen das Leben im Dorf Börtlingen zum Jahrtausendwechsel aufzuzeigen. Wir tun dies ganz bewusst auch vor dem Hintergrund, dass Börtlingen im Jahr 2002 auf das 800-jährige Jubiläum seiner erstmaligen urkundlichen Erwähnung zurückblicken kann.

 

In diesem Sinne soll der Bildband durchaus auch zum selbstkritischen Rückblick über die Gemeindeentwicklung der vergangenen Jahrzehnte anregen, um daraus mit Optimismus die Zukunft anzugehen. Bezeichnend hierfür könnte auch die Tatsache sein, dass sich im jetzigen Jahr 1999 ein bürgerschaftlicher Arbeitskreis „Zukunft aktiv gestalten“ gegründet hat. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, auf lokaler Ebene, und damit in lokalen Aktionsprogrammen, eine nachhaltige Entwicklung einzuleiten, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht mehr befriedigen können. Dieses Konzept für eine zukunftsfähige Entwicklung soll die Verbesserung der ökonomischen und sozialen Lebensbedingungen der Bevölkerung mit einer langfristigen Sicherung der natürlichen Lebensgrundlagen in Einklang bringen. Eine große Herausforderung, de die kommunalen Kräfte in Börtlingen über einen längeren Zeitraum fordern wird – geradezu eine Generationsaufgabe.

 

Aus diesem Grund ist es sicherlich gut, sich die Gemeinde in ihrem heutigen Stand, aber auch in ihrer Entwicklung seit dem zweiten Weltkrieg näher zu betrachten. In einigen kurzen Momentaufnahmen zu den einzelnen kommunalen Aufgaben möchte ich dies versuchen. In diesem Zusammenhang wird auch auf die Vorworte zu den einzelnen Bildkapiteln verwiesen.

 

Kommunalpolitische Verantwortung

 

Der erste hauptamtliche Bürgermeister der Gemeinde mit einer Verwaltungsausbildung war der heutige Ehrenbürger Erwin Mürdter, Adelberg, der von 1951 bis 1981 dieses Amt versah. Ihm wurde aufgrund seiner Verdienste um das Dorf Börtlingen im Jahr 1981 das Ehrenbürgerrecht verliehen. Im Oktober 1981 wurde Franz Wenka zum hauptamtlichen Bürgermeister gewählt. Der Gemeinderat besteht aus 10 Mitgliedern. Er nimmt seine kommunalpolitische Verantwortung jährlich in 18 bis 20 Sitzungen und Ortsterminen wahr. Erst seit 3 Jahren hat er sich ein sogenanntes Sitzungsgeld als Entschädigung für die Gemeinderatssitzungen gewährt. Oft wird diese Entschädigung jedoch für kulturelle oder soziale Zwecke in der Gemeinde gestiftet. Bei der Gemeinderatswahl 1962 wurde mit Leopoldine Trunetz erstmalig eine Frau in den Börtlinger Gemeinderat gewählt. Mit Gemeinderätin Christina Winter hat Börtlingen seit der vorletzten Gemeinderatswahl 1994 erstmalig eine Frau als stellvertretende Bürgermeisterin. 

 

Aus der Mitte des Gemeinderats heraus werden Vertreter in die Verbandsversammlung entsandt. Seit 1972  besteht der Gemeindeverwaltungsverbands „Östlicher Schurwald“ mit Sitz im Rathaus Rechberghausen. Auch beim „Zweckverband Abwasserreinigung Marbach-Krettenbachtal“, hinsichtlich der gemeinsamen Kläranlage mit den Gemeinden Birenbach und Wäschenbeuren, sind die Börtlinger Gemeinderäte vertreten. Weitere Gemeinderäte vertreten die Gemeinde im Kindergartenausschuss sowie im Kuratorium der 1991 gegründeten Schurwald-Musikschule und der seit 1994 bestehenden Schurwald-Volkshochschule.

 

Selbst für ein so kleines Dorf wie Börtlingen sind zur Sicherung einer akzeptablen Infrastruktur vielfältige Verflechtungen notwendig. So gehört Börtlingen der Region Stuttgart an, ist Mitglied bei der Landeswasserversorgung Stuttgart und dem Kommunalen Rechenzentrum Region Stuttgart. Als Aktionär der Neckarwerke Stuttgart AG ist Börtlingen Mitglied im Neckar-Elektrizitätsverband. M Gemeindetag Baden-Württemberg wird ebenso mitgearbeitet wie in der Fremdenverkehrsgemeinschaft Stauferland.

 

Über den Krankenpflegeverein Börtlingen sowie die Kooperation Nachbarschaftsdienst Adelberg/Börtlingen wird mit Unterstützung der Sozialstation ST. Franziskus Göppingen versucht, Kranken und Hilfsbedürftigen zur Seite zu stehen.

 

Auf Initiative des Volkshochschulleiters Dr. Jörn Harström ist Börtlingen auch im Internet präsent. Damit möchte das Rathaus auch deutlich machen, dass es sich als Dienstleitungsbetrieb für die Bürgerschaft versteht.

 

Kommunale Aufgaben

 

Während er Amtszeit von Bürgermeister Erwin Mürdter wurde die grundlegende Infrastruktur aufgebaut. In den einzelnen Jahren war dies:

1957 turn- und Festhalle, 1967 Grundschule mit Lehrschwimmbad, 1967 Leichenhaus, 1975 Rathaus und Raiffeisenbank, 1974 Neubau des Kindergartens, 1974 Sportplatz mit Kunststoff-Kleinspielfeld, 1981 Friedhofserweiterung und Wasserturm.

 

Seit 1973 wird das Abwasser der Gemeinde in der Kläranlage des Abwasserzweckverbandes Marbach-Krettenbachtal gereinigt. Die hierzu erforderliche Sammelkanalisation wurde 1972/73 realisiert.

 

Die früher lediglich eingeschotterte Ortsdurchfahrt Börtlingen’s wurde erstmalig Mitte der 50er Jahre geteert. Der Kreisstraßenausbau in seiner heutigen Form erfolgte zwischen 1969 und 1973 von der Bundesstraße B 297 bis zum Schweizerhof nach Breech. Eine Abwasserkanalisation gibt es etwa seit 1951. Voraussetzung dafür war der Bau einer Sammelleitung zur Salzklinge. Die erforderlichen Grabarbeiten wurden auf einer Länge von 215 Metern von den Börtlinger Familien gegen ein Vesper in bürgerschaftlicher Gemeinschaftsarbeit durchgeführt – sicherlich eine ganz besondere Eigenleistung der Börtlinger. Der dabei gezeigte Gemeinschaftsgeist ist auch noch heute in Börtlingen spürbar und hilft vielfach bei der Erledigung der kommunalen Aufgaben. Das Wasserleitungsnetz wurde seit etwa 1899 aufgebaut. Zuvor hat es verschiedene Brunnen im Ort gegeben, die teilweise mit Holzröhrenleitungen miteinander verbunden waren und das Wasser in die Häuser leiteten. Das Wasser der Quellen im Marbachtal wurden erstmals 1899 über Sammelbehälter und Hochdruck-Wasserversorgungsanlagen in das örtliche Netz eingespeist. 1913 wurde der Ortsteil Breech an diese Eigenwasserversorgung angeschlossen. Der Ortsteil Zell war bis 1954 ohne eine öffentliche Wasserversorgung. Dies hat sich 1956 mit dem Bau der Siedlungshäuser „Tobel“ an der Birenbacher Straße und an der Poststraße jedoch geändert. Der Ortsteil Zell wurde aus wirtschaftlichen Gründen an die Wasserversorgung Birenbachs angeschlossen.

 

Börtlingen ist im Laufe der Jahre gewachsen. So war dann 1981 der Bau eines Wasserturms am nördlichen Ortsrand notwendig, um alle Wohnquartiere mit ausreichendem Wasserdruck versorgen zu können. Die Verbindungsleitung zwischen Pumpwerk Marbachtal und dem Erdbehälter beim Wasserturm Börtlingen wurde 1922 ebenso erneuert wie 1993 die Pumpenanlagen. Heute benötigt Börtlingen jährlich rund 80.000 Kubikmeter Trinkwasser. Davon werden 55.000 bis 60.000 Kubikmeter von der Landeswasserversorgung Stuttgart bezogen. Die Einspeisung von rund 25.000 Kubikmeter Eigenwasser erfolgt aus den Quellen des Marbachtales. Die Soldaten- und Hagenmaierquelle liefern bereits seit Jahrzehnten hygienisch einwandfreies Trinkwasser, das ohne Aufbereitung dem Wasser der Landeswasserversorgung zugemischt werden kann. Grundvoraussetzung für diese, heute und auch in der Zukunft ausreichende, Trinkwasserversorgung war im Jahr 1949 der Anschluss an die Hauptversorgungsleitung der Landeswasserversorgung, die quer durch das nördliche Gemarkungsgebiet verläuft.

 

Aufgrund der topografischen Verhältnisse konnte der Ortsteil Breech lange Jahre nicht an die Sammelkläranlage angeschlossen werden. Dies erfolgte erst 1985 mit einem Abwasserpumpwerk .Die Investitionssumme von rund 600.000 Mark war aus Umweltschutzgründen sicherlich gut angelegt. Diese Maßnahme hat wesentlich zur Verbesserung der Wasserqualität des Taubenbachs bzw. Marbachs beigetragen. Verschiedene Hochwasserereignisse erforderten 1990 den Umbau der Kanalisation in der Rechbergstraße sowie den Bau einer Hochwasserentlastungsleitung zur Kastenklinge für zusammen 580.000 Mark. In den 80er/90er Jahren musste die Gemeinde für 1,2 Millionen Mark Regenrückhalte- und Regenüberlaufbecken bauen sowie 1998 im Verbund mit dem Abwasserzweckverband die Sammelkläranlage um einen dritten Funktionsabschnitt für rund 3 Millionen Mark erweitern.

 

Börtlingen war lange Zeit geprägt durch sine landwirtschaftlichen Betriebe. Der Fortbestand der landwirtschaftlichen Haupterwerbsbetriebe ist im Jahre 1999 insoweit gefährdet, als dass längerfristig sicherlich nur einige wenige Landwirte ihre Höfe im Hauptberuf werden halten können. Die in den Jahren 1962 bis 1969 durchgeführte Flurbereinigung hat bislang wesentlich zur Existenzsicherung der Landwirtschaft beigetragen. Darüber hinaus entstand ein sehr gut ausgebautes Feldwegenetz, das auch von Spaziergängern gerne genutzt wird.

 

Zur Unterstützung der örtlichen Landwirtschaft sowie der Kulturlandschaft um Börtlingen fördert die Gemeinde den Bestand an hochstämmigen Obstbäumen. Für das ausmähen der sogenannten Streuobstwiesen gibt es – je nach Haushaltslage – eine Erschwernisentschädigung von 2 bis 5 Mark pro Baum. Auch werden in unregelmäßigen Abständen Baum-Sammelbestellaktionen durchgeführt. Die Einzelbeschaffung von hochstämmigen Obstbäumen wurde ebenso über Jahre hinweg gefördert wie auch heute noch jedes neugeborene Kind einen Gemeindegutschein für die Neupflanzung eines Obstbaumes erhält. Die hängigen Wiesenlandschaften des Schurwaldes sind vielfach noch von alten Streuobstbeständen geprägt. Seit 1997 breitet sich jedoch im Schurwaldbereich die Baumkrankheit Feuerbrand zunehmend aus, so dass leider sehr viele Bäume gefällt werden müssen. Auch der Rationalisierungsdruck in der Landwirtschaft trägt zum Verschwinden der Streuobstbestände bei.

 

Keine kommunale Aufgabe im klassischen Sinne sind Musikschule und Volkshochschule. Bürgermeister Wenka ist seit 1991 Vorsitzender des Zweckverbands Schurwald-Musikschule. Dieser öffentliche Verband mit Rechberghausen und Adelberg hat 1994 gemeinsam mit Birenbach auch die Aufgabe der Volkshochschule für den Schurwald übernommen. Dabei kooperiert man auch mit den Gemeinden Wäschenbeuren und Wangen.

 

Jährlich feiert die Gemeindeverwaltung mit den über 70-jährigen Mitbürgerinnen und Mitbürgern das „Fest der Senioren“. Auch die neu in die Gemeinde zugezogenen Familien werden jährlich mit der schon traditionellen Brotgabe anlässlich einer öffentlichen Veranstaltung im Dorf willkommen geheißen.

 

Bei ganz besondere Anlässen feiern die Börtlinger Vereine und Gruppen gemeinsam das „Gugelhupffestle“. Der Erlös dieses Festes wird dann für eine Gemeinschaftsaufgabe bzw. soziale Zwecke in der Gemeinde verwendet.

 

Städtebauliche Entwicklung

 

Luftbilder Börtlingen’s veranschaulichen die städtebaulichen Entwicklungen der vergangenen 50 Jahre. Dabei hat sich die Gemeinde mit ihren neuen Wohnquartieren bislang in östlicher Richtung ausgedehnt: 

 

1930                Silcherweg

1950                Paul-Trunetz-Straße und Hohenstaufenstraße

1960                Siedlung „Tobel“, Ortsteil Zell

1962                Baugebiet „Im Bild“

1962                Baugebiet „Schmittwiesen“

(vordere Blumenstraße, Frühlingstrasse und Rosenstraße)

1965                Baugebiet „Berg“

1967                Baugebiet „Gschrei“, verlängerte Hohenstaufenstraße mit Paul-Roth-Schule

1975                Baugebiet „Schmittwiesen-Morgen“, Zeller Straße, Im Morgen, Albstraße

1978                Baugebiet „Häuslensäcker“, Rechbergstraße, Stuifenstraße

1981                Baugebiet „Im Dobel II“

1983                Gewerbegebiet „Seele“

1985                Baugebiet „Haldenstraße“

1994                Baugebiet „Bild II“

 

Der seit 1998 gültige Flächenutzungsplan des Gemeindeverwaltungsverbands „Östlicher Schurwald“ hat noch Gültigkeit bis circa 2008. Er sieht für Börtlingen lediglich kleinere Wohnquartiere zur Abrundung in der Talstraße und Zeller Straße vor. Der ländlich geprägte Teilort Breech soll seine bisherige städtebauliche Ausformung behalten. Sowohl in Breech als auch in Zell und Börtlingen bestehen innerhalb des bebauten Ortsgebietes Baulücken bzw. können ältere landwirtschaftliche Anwesen zu Wohnzwecken umgenutzt werden. Seit 1994 hat die Gemeinde neue Weg ein der Bodenpolitik eingeschlagen. Die erforderlichen Grundstücke für das Baugebiet „Bild II“ wurden von der Gemeinde aufgekauft, in eigener Regie erschlossen, und nahezu ausschließlich an junge Börtlinger Familien veräußert. Damit konnte der erklärte Wille des Gemeinderates, nämlich ausreichendes Bauland zu akzeptablen Bedingungen an junge Börtlinger Familien bereitzustellen, verwirklicht werden.

 

Ergänzend zu dem Flächennutzungsplan hat Börtlingen gemeinsam mit den Verbandsgemeinden im Gemeindeverwaltungsverband Östlicher Schurwald auch einen Landschaftsrahmenplan erarbeitet. Dieser gibt Hinweise und Anregungen zum Schutz und zur verantwortungsbewussten Weiterentwicklung der Landschaft des Schurwaldes.

 

Phase der Dorfentwicklung

 

Die Jahre 1984 bis 1994 waren geprägt von einer Phase der nachhaltigen Dorfentwicklung. Die Gemeinde erreichte es, in das Dorfentwicklungsprogramm des Landes Baden-Württemberg aufgenommen zu werden. Staatliche Fördergelder von 30 bis 50 Prozent der Investitionskosten flossen in private Sanierungsmaßnahmen an Gebäuden und Grundstücken, sowie in Dorfentwicklungsprojekte der Gemeinde. Als Stichworte seien genannt: Das Feuerwehr- und Bürgerhaus mit Dorfplatz (insgesamt 2,2 Millionen Mark), Dachaufbau Rathaus und Sanierung Musikerheim in der Paul-Trunetz-Straße (170.000 Mark), Platzgestaltung Paul-Trunetz-Straße (65.000 Mark), Sanierung der Paul-Roth-Schule mit Lehrschwimmbad (560.000 Mark), Dorfentwicklung Breech in der Hohlgasse und Adelberger Weg (240.000 Mark), 1989 Erwerb und Sanierung des Postgebäudes am Dorfplatz (240.000 Mark).

 

Zwischen 1991 und 1993 erfolgte der Bau der Spielplätze am Dorfplatz, in Breech und Zell (insgesamt 88.000 Mark). Bei sämtlichen Dorfentwicklungsmaßnahmen im Straßenbereich wurden gleichzeitig auch Kanal- und Wasserleitungen saniert.

 

In dieser Phase hat die Gemeinde konsequent in allen öffentlichen Gebäuden Energieeinsparungsmaßnahmen durchgeführt, die Heizungen soweit notwendig erneuert und insgesamt auf Erdgas umgestellt. Dies erforderte einen Gesamtaufwand von 480.000 Mark. Voraussetzung war der erstmalige Anschluss der Gemeinde an das Gasnetz im Jahr 1984. Diese umweltfreundliche Energiequelle wurde mit einem Baukostenzuschuss von 100.000 Mark realisiert.

 

Die Dorfentwicklungsbemühungen der Gemeinde wurden durch zahlreiche private Maßnahmen unterstützt. Dies ist im Ortsbild deutlich erkennbar. Viele Hausfassaden und Vorgärten präsentieren sich in neuem Gewand. Insgesamt haben die gemeinsamen Bemühungen von Bürgerschaft und Gemeinde dazu geführt, dass Börtlingen wiederholt erste Plätze in dem kreisweiten Wettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden“ belegt hat. Herausragend ist sicherlich dabei das Jahr 1989, als Börtlingen sich für den Landeswettbewerb qualifizierte und dabei auch auf Landesebene mit einer Bronzemedaille für die jahrelangen Be-mühungen in der Dorfentwicklung belohnt wurde.

 

Ergänzend zum Dorfentwicklungsprogramm erfolgte 1988 auch die Aufnahme in das Entwicklungsprogramm „Ländlicher Raum“. Betriebsumsiedlungen aus den Wohngebieten ins Gewerbegebiet „Seele“ konnten dabei ebenso gefördert werden wie die Ansiedlung eines Friseurgeschäfts, einer Arztpraxis sowie eines Fachbetriebs für Sanitär- und Klempnertechnik im ehemaligen Farrenstallgebäude an der Hauptstraße. Die Erweiterung und Sanierung der Turn- und Festhalle mit Baukosten von 2,2 Mio. Mark im Jahr 1994 konnte Dank eines Staatsbeitrages aus diesem Förderprogramm realisiert werden. Das Dorfentwicklungsprogramm wurde vom Land Baden-Württemberg 1996 eingestellt.

 

Finanzdaten

 

Der Gesamthaushalt der Gemeinde Börtlingen beträgt im Haushaltsjahr 1999 ca. 4.800.000 Mark, davon im Verwaltungshaushalt 4,1 Millionen Mark und 700.000 Mark im Vermögenshaushalt.

 

Die wichtigsten Einnahmen:

 

Grundsteuer A und B                                       225.000 DM

Gewerbesteuer                                     100.000 DM

Anteil an der Einkommenssteuer                   1,1 Mio. DM

Schlüsselzuweisungen vom Land                770.000 DM

Wasserzins und Entwässerungsgebühren            680.000 DM

 

 

 

Die wichtigsten Ausgaben:

 

Personalausgaben                                            670.500 DM

Verwaltungs- und Betriebsaufwand                      745.000 DM

Zinsausgaben                                                     90.000 DM

Finanzausgleichsumlage                                    390.000 DM

Kreisumlage                                                     632.000 DM

 

Die großen Investitionen der vergangenen Entwicklungsjahre spiegeln sich auch im Schuldenstand der Gemeinde wieder. Zum 31.12.1999 hat Börtlingen 1.690.000 Mark Kreditverpflichtungen, dies entspricht einer Pro-Kopf-Verschuldung von 958 Mark. Insgesamt hat Börtlingen im Zeitraum 1981 bis 1999 12,5 Mio. Mark investiert. Finanziert wurde dies durch 8 Millionen Mark Eigenmittel, 1,9 Millionen Mark Staatsbeiträge, 900.000 Mark Dorfentwicklungszuschüsse sowie 1,7 Millionen Mark Kredite.

 

Diese Zahlen belegen die solide Finanzpolitik, die in Börtlingen bereits seit dem 2. Weltkrieg mit Nachdruck verfolgt wurde. Stets galt der Grundsatz „Das Machbare vor dem Wünschenswerten“. Die Zahlen drücken aber auch eine gewisse Finanzschwäche insbesondere im Bereich Gewerbesteuer aus, so dass Börtlingen immer wieder auf Finanzhilfen des Landes angewiesen war. In dankenswerter Weise haben wir durch Abgeordnete, Ministerien und das Regierungspräsidium jedoch stets Unterstützung und Hilfe erfahren. Dies wird sicherlich auch in der Zukunft notwendig sein.

 

Wünsche und Ziele

 

Konkrete Aufgabenstellungen wird es für Börtlingen auch in der Zukunft geben. Im Zeitrahmen bis 2002 soll der erste wichtige Sanierungsabschnitt der Hauptstraße zwischen Rathaus und Einmündung Rechbergstraße gebaut werden. Ziel ist es, Zug um Zug, die recht breite und sehr trennend wirkende Kreisstraße im Bereich zwischen Gaststätte „Löwen“ und der Turn- und Festhalle umzugestalten. Mit der weiteren baulichen Entwicklung Börtlingen`s wird sicherlich eines Tages auch die Vergrößerung der Paul-Roth-Schule und des Kindergartens anstehen.

 

Dieser Bericht im Bildband „Börtlingen um’s Jahr 2000“ will versuchen, ein Bild der derzeitigen Situation der Gemeinde Börtlingen zu zeigen. Sicherlich ist der Bericht aus dem Blickwinkel des derzeitigen Bürgermeisters gesehen. Trotzdem soll dies ein Versuch sein, ein Spiegelbild der lebendigen Gemeinde Börtlingen aufzuzeigen. Viele Wünsche werden für die Zukunft offen bleiben. Dies ist natürlich gut so, denn eine kommunale Gemeinschaft lebt von stets veränderbaren Vorgaben und einer sich damit immer wieder in geänderten Auffassungen anpassenden Gesellschaft.

 

Insgesamt hoffen wir Börtlinger auf den Erhalt der lebenswerten Gemeinde. Wir wünschen, dass sich Neubürger schnell bei uns wohlfühlen und dass durch eine weiterhin aktive Vereins- und Gruppenarbeit viel Abwechslung in sportlicher und kultureller Hinsicht geboten bleibt. Möge der in Börtlingen mit seinen Ortsteilen wurzelnde Gemeinschaftsgeist auch in Zukunft erhalten bleiben und das bürgerschaftliche Engagement in allen Bereichen nicht nachlassen. Dies alles werden Ziele der Zukunft sein.

 

Wir wollen auch weiterhin stolz behaupten: Börtlingen – das Dorf in dem sich’s leben lässt!

 

Bürgermeister Franz Wenka,

Oktober 2001

 

 



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